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Netflix ändert Weltgeschichte


Als Menschen, die täglich mit den Mechanismen von Kommunikation umgehen, wissen wir um die Macht der Bilder, der Geschichten und der Bücher. Wir nutzen sie regelmäßig für Markenentwicklung, Texte oder Videos. Doch dass TV-Serien im Pay-TV den politischen Fortgang ganzer Nationen binnen weniger Jahre ändern können, ging uns erst vor kurzer Zeit auf.

Alles begann mit dem phänomenalen Erfolg der Netflix-Serie „House of Cards“. Ihrer seit Februar 2013 immer intensiver und überzeugender werdenden Botschaft von der Manipulierbarkeit der US-Demokratie durch politische Eliten, dem berüchtigten „Establishment“, konnte sich irgendwann niemand mehr entziehen. Demokraten und Republikaner, Menschen aus allen Schichten und Regionen der USA sahen den erfolgreichen Intrigen bestürzt und fasziniert zu.

Doch während Politkenner, Ironiker und Teilnahmslose das als Parodie hinnahmen, machte es viele andere bereit für populistische reaktionäre Politik. Präsident Donald Trump erwählte nicht von ungefähr das Bild vom korrupten politischen „Sumpf“ in Washington zu einem der Leitmotive seines Wahlkampfes 2016.

Downton Abbey

Dass diese Beobachtung auch in Europa gilt, beweist die ITV-Kultserie „Downton Abbey“. Was dort im Mittelpunkt steht ist die bewusst ausgekostete Botschaft von dem ganz besonderen „familiären“ Zusammenhalt der Briten. Man bleibt kulturell ganz unter sich, höchstens ab und zu gestört durch einen osmanischen Liebhaber oder der Verschleppung eines Verlegers in Nazi-Deutschland. Besonders als eine fehlgegangene Börsenspekulation das Fortbestehen des aristokratischen Lebensstils bedroht, kommt die Kern-Idee zu Tragen: Das Festhalten an alten Werten. Die alles versöhnende Schlussszene zelebriert das Lied „Auld Lang seyne“, den nostalgischen Abgesang auf die längst vergangenen Zeit. Eine Zeit, die diese ITV-Serie wieder lustvoll heraufbeschwört.

Nicht nur wir behaupten, dass dieses kollektive Fernseherlebnis, so wie das von „House of Cards“, ein mächtiges politisches Narrativ erschuf. In Großbritannien erzeugte es eine Stimmung, die zur Brexit-Entscheidung einer Mehrheit der Briten beigetragen hat. In den USA machte es möglich, dass sich eine Mehrheit der Wahlmänner einem Mann anvertraute, der pluralistische Entscheidungs- und Denkstrukturen über den Haufen wirft. Der sprichwörtliche Common Sense in beiden Ländern ging unter im Online-Stream der modernen Geschichtenerzähler. Wir sollten also bedenken, was wir künftig produzieren.